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Freitag, 30. Januar 2026
„Wir sind die Venezianer von heute.“

Begeisterte sein Publikum beim diesjährigen „ASB-ZündstoffBegeisterte sein Publikum beim diesjährigen „ASB-Zündstoff": Sigmar Gabriel

Zu seinem diesjährigen „Zündstoff" durfte der ASB 2026 Sigmar Gabriel als Redner begrüßen

Der Jahresempfang „Zündstoff“ des Arbeiter-Samariter-Bund Region Heilbronn-Franken ist für viele Gäste längst mehr als ein Termin, er ist zu einer festen Institution geworden. Raum für Perspektiven, für Einordnungen jenseits des politischen Tagesgeschäfts und Persönlichkeiten, die man hier einmal anders erlebt, sind die häufigsten Gründe, warum Besucher:innen der Einladung des ASB – dieses Mal in die Räumlichkeiten der alten Reederei in Heilbronn - folgten. Auch in diesem Jahr kamen die Gäste voll auf ihre Kosten, denn ASB-Vorstandsvorsitzender Guido Rebstock durfte als hochkarätigen Redner den ehemaligen Vizekanzler und Außenminister Sigmar Gabriel begrüßen, der vor mehr als 200 geladenen Gästen in Heilbronn einen umfassenden Blick auf die weltpolitische Lage warf.

„Aktuell hätten wir gern weniger Zündstoff“, spielte Gabriel zu Beginn auf den Namen der ASB-Veranstaltung an und zeichnete anschließend ein umfassendes Bild der geopolitischen Lage. Er begann mit einem historischen Vergleich: Venedig habe einst von seiner günstigen Handelslage profitiert, den schleichenden Verlust seiner Bedeutung aber nicht rechtzeitig erkannt. „Haben die Venezianer das damals gemerkt? Vermutlich nicht“, so Gabriel. Europa stehe heute vor einer ähnlichen Entwicklung. Die wirtschaftlichen Machtachsen verschöben sich vom Atlantik in den Pazifik. „Wir sind die Venezianer von heute.“

Deutschland stehe damit vor einer Situation, auf die es nicht vorbereitet sei. Jahrzehntelang habe das Land von Globalisierung profitiert: niedrige Zölle, stabile Handelsketten, keine Kriege in der Nachbarschaft. Diese Voraussetzungen existierten nicht mehr. Krieg in Europa, unsichere Lieferwege, der Rückzug vieler Staaten hinter nationale Grenzen, all das bedeute einen tiefen Einschnitt für eine exportorientierte Volkswirtschaft. Hinzu kämen drei gleichzeitige Krisen: eine sicherheitspolitische, eine ökonomische und eine demokratische. Die Infragestellung der NATO, eine anhaltende Rezession und wachsende Unzufriedenheit mit der Leistungsfähigkeit demokratischer Institutionen verstärkten sich gegenseitig.

Mit Blick auf die Landtagswahlen in Ostdeutschland betonte Gabriel, dass man nicht ignorieren könne, wenn 40 Prozent der Wähler:innen bereit seien, die AfD zu wählen: „Die Leute sehen, dass wir so viele Steuern einnehmen wie noch nie und gleichzeitig so viele Schulden machen wie nie und trotzdem verkommt die Infrastruktur, von Schulen über Bahn bis zum sozialen Wohnungsbau.“ Es mache insofern keinen Sinn, über „Brandmauern“ gegen rechts zu diskutieren, sondern darüber, was denn die Leute ärgere und dann Veränderungen einzuleiten. Die zentrale Aufgabe demokratischer Parteien bestehe darin, zu zeigen, dass sie Lösungen bieten können und sich nicht nur mit sich selbst beschäftigen.

Gabriel plädierte für den Aufbau einer eigenen Sicherheitsarchitektur, ohne die transatlantische Brücke vorschnell aufzugeben. „Mit der Kombination aus Klarheit, militärischer Stärke und der Bereitschaft zu Verhandlungen und Diplomatie können wir erfolgreich sein. Wenn wir aber auf den einen Teil verzichten und militärisch schwach bleiben, dann glaube ich, das ist wie ein Angebot an den potenziellen Gegner zu versuchen, wie weit er denn eigentlich gehen kann.“

Seine Neujahrsbotschaft könne zwar beunruhigen, solle aber vor allem dazu ermutigen, die Realität anzuerkennen. Wer die schwierige Welt ausblende, riskiere, in einer noch komplizierteren Lage aufzuwachen. In diesem Sinne, so Gabriel, solle man sich nicht ins Bockshorn jagen lassen, sondern mit klarem Blick vorangehen.

„Ihr Vortrag hat uns nicht nur Denkanstöße gegeben, sondern unseren Blick geweitet: auf eine Welt im Umbruch, auf Europas Verantwortung und auf die Frage, wie Wirtschaft, Politik und Gesellschaft handlungsfähig bleiben können,“ resümierte Steffen Kübler, Geschäftsführer des ASB Region Heilbronn-Franken, in seinem Dank. „Es war uns eine Ehre, Sie bei uns gehabt zu haben!“


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